Leseprobe

Prolog

Es war ein Tag im November. Kalter Wind wirbelte das Laub auf und das Wasser des Sees schlug kleine Wellen. Das einzige was die Ruhe der Natur störte, war das Schreien des Mädchens, welches inmitten des Wassers um sein Leben kämpfte. Sie hatte ihn um Hilfe angefleht, seinen Namen gerufen, immer und immer wieder. Er stand nur da und sah zu.

Er war noch jung und doch wusste er was mit ihr geschehen würde.

Sie konnte nicht schwimmen, das hatte sie ihm erzählt.

Die Schreie wurden erst verzweifelter, dann immer schwächer. Sein Gesicht blieb unbewegt, als er sah, dass sie aufgegeben hatte. Ein letztes Gurgeln, ein verschleierter Blick, dann ging sie endgültig unter. Langsam beruhigte sich das Wasser wieder. Mit versteinerter Miene drehte er sich um und ging, als wäre nichts geschehen, zum Haus zurück.

Kapitel 1

James Henry Gremory starrte gedankenverloren aus dem hohen Sprossenfenster, im ersten Stock von Redwood Manor. Sein neuer Privatlehrer langweilte ihn und bevor er etwas Unüberlegtes tat, flüchtete er sich lieber in seine Gedanken.

Noch nicht einmal den Namen des Mannes hatte er sich gemerkt, es würde ja doch nichts bringen. Spätestens nach einer Woche würde er auch ihn wieder vertrieben haben. Langsam ließ er den Blick über das Gesicht seines Lehrers wandern. Die Jahre hatten ihre Spuren auf dem Körper des Mannes hinterlassen. Die Hände waren von Furchen durchzogen und wiesen leichte Verformungen auf. In den Augen- und Mundwinkeln sowie auf Stirn und den Wangen hatten sich tiefe Falten eingeprägt. Die wässrig-blauen Augen blickten ihm weise entgegen.

James gähnte. Er machte keinen Hehl daraus, dass er nicht besonders viel von dem Mann hielt.

Glaubten seine Eltern allen Ernstes, dass ein Lehrer, der wie ein Zauberer aussah, ihm deshalb auch mehr über die Zauberei beibringen könnte? Ein langer, schwarzer, sich dramatisch aufbauschender Gehrock und weißes Haar sagten wohl kaum etwas über Kompetenz aus.

Der letzte Lehrer war ein ziemlich eingebildeter Bursche gewesen. Er hatte versucht ihn zu lehren, das Wetter zu kontrollieren, etwas das er sich schon vor Jahren im Eigenstudium erarbeitet hatte. Der kleine Sturm, den er daraufhin in dem Raum hatte wüten lassen, hatte nicht nur die gesamten Unterlagen des Mannes zerstört, sondern auch dessen Nerven überstrapaziert.

James stützte seine Wange in eine Hand. Dabei fiel ihm eine schwarze Haarsträhne vor die Augen. Träge neigte er den Kopf zur Seite und wischte sie sich aus dem Gesicht. Gelangweilt fokussierte er seinen Blick auf eine Amsel. Sie saß auf einem bunt belaubtem Ahornbaum, der seine ausladenden Äste dem Haus entgegen streckte. Geschickt versuchte der Vogel einem der Astlöcher einen Käfer zu entlocken.

Er wurde aus seiner Beobachtung gerissen, als es an der Tür klopfte.

„Herein!“, rief sein Lehrmeister und blickte, wie auch James, erwartungsvoll auf die massive Eichenholztür.

Sie öffnete sich schwungvoll und Richard, James‘ Vater, stand mit zurückhaltendem Lächeln im Türrahmen.

„Ich hoffe, ich störe Sie nicht, Mister Redfield?“, fragte er freundlich, ohne ernsthaft anzunehmen, dass die Frage mit einem „Doch“ beantwortet werden könnte und betrat das Zimmer.

Richard Charles Gremory, wie er mit vollem Namen hieß, war ein Mann, der immer ein Lächeln auf den Lippen und eine Freundlichkeit für jeden auf der Zunge hatte. Das brachte ihm bei den Bewohnern der Stadt, welcher er als Bürgermeister vorstand, viele Sympathien ein.

Auf den ersten Blick hatte er große Ähnlichkeit mit seinem Sohn. Beide hatten in etwa die selbe Statur: schmal und hoch gewachsen.

Im Gegensatz zu James war seine Haut jedoch dunkler als man es bei einem Mann seines Standes erwarten würde. Mittlerweile zierten das ehemals schwarze Haar graue Strähnen, die sich bis in den akkurat geschnittenen Backenbart zogen. Man mochte kaum glauben welch unfassbaren Mächte dem Zauberer innewohnten.

„Ich glaube, wir können den Unterricht heute zur Feier des Tages etwas früher beenden“, erklärte er dem Lehrer lächelnd und wandte sich dann seinem Sohn zu, „Na, schon in freudiger Erwartung?“

James sah ihn zweifelnd an: „Wegen der Geburtstagsüberraschung, die Ihr für mich vorbereitet habt? Ich bin mir nicht ganz sicher.“

Richards Augen verengten sich vorwurfsvoll, doch er wurde schnell wieder gewohnt fröhlich:

„Du wirst sehen, es wird grandios!“

Richard beschränkte sich leider nicht nur darauf, die Zauberei zu erlernen und anzuwenden. Er wollte auch seinen Beitrag an neuen Sprüchen leisten und brachte mit seinen Experimenten nicht nur sich selbst in Gefahr.

Manchmal fragte James sich, wie es sein konnte, dass er mit den gerade erreichten zwanzig Jahren, so viel reifer war, als sein Vater Richard mit all seiner Erfahrung.

Seufzend stand er auf, würdigte den Lehrer keines Blickes und folgte seinem Vater den Gang entlang in Richtung Eingangshalle.

„Miss Williams müsste auch jeden Moment hier sein.“ bemerkte Richard während er voran schritt, „Es war langsam aber auch wirklich an der Zeit, sie um ihre Hand zu bitten.“

James hörte nicht weiter zu, er konnte sich den Satz selbst zu Ende denken … „deine Mutter und ich haben geheiratet, als ich gerade einmal 19 war, und du musst bedenken, dass Beth bereits fünf Jahre älter ist, als du es bist!“

James erwiderte nichts auf den Kommentar. Manchmal war es besser seinen Vater einfach reden zu lassen.

Draußen konnte man das Knirschen von Rädern auf Kies hören und kurz darauf das Krachen einer Kutschentür.

„Wenn man vom Teufel spricht!“, kommentierte Richard lächelnd.

„Ihr wollt also, dass ich mich mit dem Teufel einlasse?“, erwiderte James schnippisch.

Richard strafte ihn mit einem bösen Blick und öffnete dann selbst die Tür, noch bevor Elisabeth Williams die Klingel betätigen konnte.

„Sir Richard!“, begrüßte sie ihn erfreut und neigte höflich den Kopf. „Guten Abend. Ich bin schon so gespannt auf Ihre Aufführung. Ich bin mir sicher, es wird wundervoll!“

Schon hatte sie den Hausherren für sich eingenommen. Sie weiß, wie man Menschen umschmeichelt, dachte James.

Nun wandte sie sich ihm zu.

„Alles Gute zum Geburtstag“ wünschte sie ihm strahlend, „Ihr seht heute besonders gut aus!“

„Danke sehr“, entgegnete James lächelnd. Auch er hatte nichts gegen Komplimente.

„Das gebe ich gerne zurück.“

Sie sah wirklich gut aus, in ihrem smaragdgrünem Kleid zu ihren langen, schwarzen Haaren wirkte sie noch so, wie er sie als Junge kennengelernt hatte.

„Tut mir Leid, dass meine Eltern nicht hier sein können. Sie sind beide noch nicht wieder ganz gesund, aber sie lassen Euch viele Grüße ausrichten.“

„Schon gut, bestell ihnen meinen Dank.“

Immerhin zwei Gäste weniger die unterhalten werden wollten, vor allem konnten sie so nichts von der Verlobung ausplaudern. Seine eigenen Eltern hatte James bereits Stillschweigen auferlegt. Abgesehen davon war er gerade über die Abwesenheit seiner baldigen Schwiegermutter alles andere als traurig.

„Wir werden nicht viel Zeit für uns haben“, bemerkte Elisabeth lächelnd, „Auf dem Weg hierher sind uns einige Kutschen begegnet, die alle in diese Richtung wollten. Ein Wunder, dass wir es vor ihnen hierher geschafft haben.“

Die Feier war, wie James es befürchtet hatte: eine Aneinanderreihung von Programmpunkten, die sein Vater eigens für diesen Abend initiiert hatte.

Die meisten Gratulanten kannte James kaum. Es handelte sich um Fürsten aus den angrenzenden Ländereien mit ihren Frauen und erwachsenen Kindern, um Mitglieder des Stadtrates nebst Familie, sowie um einige Gesichter, die James überhaupt nicht zuordnen konnte.

Extra für diesen Tag waren weitere Tische in den Speisesaal gebracht worden und die Herrin des Hauses – Mary Gremory – hatte alles geschmackvoll schmücken lassen, sodass ein schwerer, süßlicher Blumenduft in der Luft hing. Selbst die Dienerschaft war aufgestockt worden, um die Bedürfnisse der hohen Gäste zu befriedigen. James selbst hielt nicht viel von dieser Zurschaustellung und mit den meisten der Anwesenden war ein Gespräch im nüchternen Zustand kaum zu ertragen.

Im Salon wurde ein Aperitif gereicht und es spielte ein Streichquartett, welches kaum Beachtung fand und vom allgemeinen Stimmengemurmel übertönt wurde. James bemühte sich zu lächeln, spürte jedoch schon nach der ersten halben Stunde, wie sich seine Gesichtsmuskulatur zu verkrampfen begann.

Auf den Empfang folgte ein Fünf-Gänge-Menü, wobei sich die Essensmenge auf den Tellern von Gang zu Gang dezimierte. Der junge Zauberer saß zwischen John Wainwright, einem Mitglied des Stadtrates, und seinem Vater. Er fühlte sich etwas fehl am Platz, während sich die beiden Männer über ihn hinweg unterhielten.

Hilfesuchend blickte er zu seiner Verlobten, doch diese war selbst gerade in ein angeregtes Gespräch vertieft. Beth liebte Feste. Sie war hier absolut in ihrem Element.

Wieder einmal wurde ihm bewusst, wie schön sie war. Die dunklen, seidigen Haare, die sanft auf ihre Schultern fielen, die braunen Augen, die ihn immer wieder so verführerisch lockten, der sinnliche, rote Mund … Warum konnten sie nicht schon verheiratet sein, verheiratet und allein …

Die Stimme seiner Mutter ließ ihn aus seinen Gedanken auffahren.

Wie jedes Jahr hielt sie auch heute die Geburtstagsrede für ihren Sohn. Zunächst bedankte sie sich bei allen Anwesenden für ihr Kommen und wiederholte dann – ebenfalls wie jedes Jahr – wie sie und Mister Gremory damals in freudiger Erwartung auf die Geburt ihres Sohnes … und so weiter.

Mary war eine bildschöne Frau mit langem, dunkelblond gelocktem Haar. Die grünen Augen, die sie ihm vererbt hatte, strahlten.

James wandte sich leise seufzend in Richtung eines Fensters, von dem aus er den See im Garten überblicken konnte und ließ seine Gedanken schweifen. Das tat er immer, wenn er etwas Langweiliges über sich ergehen lassen musste, was sehr oft geschah wenn er es recht bedachte.

Erst als der Name seiner Verlobten an sein Ohr drang wurde er hellhörig:

„…, umso mehr freut es mich, sagen zu können, dass James sich letzte Woche nun endlich mit Elisabeth Williams verlobt hat und wir hier somit nicht nur den Geburtstag meines Sohnes, sondern auch seine Verlobungsfeier begehen!“

Beifall wurde laut und von allen Seiten strömten Glückwünsche auf ihn ein. Er lächelte charmant, doch in ihm brodelte es. Nun war es aus mit der stillen, unaufgeregten Hochzeitsfeier, die er im Sinn gehabt hatte. Als er seiner Mutter einen missmutigen Blick zuwarf, lächelte diese triumphierend. Sie wusste, wie sie mit den Gepflogenheiten jonglieren musste, um ihm ihren Willen aufzudrängen.

„Nun, da es bekannt ist, bleibt uns nichts übrig, als sie alle einzuladen“, würde sie sagen.

Ein Blick auf Elisabeth zeigte ihm, dass sie ebenfalls auf Seiten ihrer zukünftigen Schwiegermutter war. Er musste sich wohl damit abfinden, dass seine künftige Frau derlei Feierlichkeiten ebenso liebte wie er sie verachtete. Sehnsuchtsvoll sah er auf die Uhr.

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